70. Jahrestages der Schließung von Fünfeichen


Begrüßungsrede des Oberbürgermeisters Silvio Witt anlässlich des 70. Jahrestages der Schließung der Lager in Fünfeichen am 1. September 2018
(Es gilt das gesprochene Wort)

Liebe Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger, verehrte Gäste, wann immer ich Besuch in unserer Stadt begrüßen darf, ob dienstlich oder privat, versuche ich mit den Gästen hierher nach Fünfeichen zu gehen.

Dieser Ort gehört zu unserer Stadt. Seine Geschichte gehört zu unserer Stadt. Es ist daher gut und wichtig, dass wir uns heute hier gemeinsam treffen. Die Stadt Neubrandenburg möchte mit Gedenk-veranstaltungen wie dieser immer wieder zeigen, dass sie sich ihrer Geschichte stellt. Wir wollen vor allem aber in der täglichen Zusammenarbeit mit Schulen, Vereinen, Kirchen, Parteien, Stiftungen oder Organisationen die Lehre aus dieser, unserer Geschichte in das Hier und Heute übertragen. Denn das Grauen der Nazi-Zeit und die Willkür der Nachkriegsjahre sind keine abstrakten Fakten eines Geschichtsbuchs, sondern haben hier an dieser Stelle stattgefunden. In selben Moment, in dem unten in der Stadt Menschen ihren Alltag erlebten. Auch in unserer heutigen unruhigen Zeit verklärt der Alltag uns manchmal den Blick für die tatsächlichen Ungerechtigkeiten in der Welt. Es ist daher wichtig, eine wache Zivilgesellschaft zu sein.

Vor 70 Jahren endete das Kapitel der Inhaftierungen in Fünfeichen. Doch es folgten 40 Jahre, in denen geschwiegen wurde. Auf eine Diktatur folgte die nächste. Die Widersprüchlichkeit der Lager von Fünfeichen können wir in jedem Jahr erleben. Immer dann, wenn wir der Toten gedenken. Auf zwei verschiedenen Friedhöfen, die uns sichtbar machen, wie in zwei unterschiedlichen Systemen die Würde des Menschen missachtet und verachtet wurde. Ich bin dankbar, dass wir in Frieden und Freiheit leben. Ein Umstand, der es uns seit 28 Jahren erlaubt, offensiv und intensiv mit der Geschichte von Fünfeichen umzugehen. So ist es mühevollen Recherchearbeiten zu verdanken, dass auch heute wieder Opfer ihre Namen zurückbekommen und wir sie würdevoll ehren können.

Ich danke im Namen der Stadt Neubrandenburg der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen unter Dr. Rita Lüdtke für ihr fortwährendes Engagement und Hingabe. Ohne Sie wäre es auch finanziell nicht möglich gewesen, das Symbol von Fünfeichen – das gestützte Kreuz – heute feierlich einzuweihen. Herzlichen Dank an Uwe Grimm und alle Beteiligten für die präzise Arbeit bei der Aufstellung des Holzkreuzes.

Dr. Constanze Jaiser sowie die anwesenden Schülerinnen und Schüler machen diese Gedenk-Veranstaltung zu einer lebendigen Erinnerung. Wir freuen uns sehr, dass ihr Projekt „Zeitlupe“ so aktiv in Neubrandenburg ist. In den nächsten Wochen wird zum Beispiel eine neue Internetseite dieses Projekts online gehen. Diese liefert Schulen und anderen Partnern ganz unkompliziert und jugendgerecht Informationen zu den verschiedenen Gedenkorten unserer Stadt.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung Neubrandenburg, allen voran Dr. Harry Schulz, Jeanette Buck, Sebastian Schröder., Jan Brauns und Andreas Vogel haben intensiv daran gearbeitet, dass wir diesen Tag und diese Gedenkstätte so erleben können. Dafür danke ich herzlich.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat auf Initiative von Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider zwei Drittel der Kosten für das gestützte Kreuz übernommen. Wir freuen uns über diese Wertschätzung und danken Frau Ministerin Hoffmeister für Ihre Bereitschaft, heute die Gedenkrede zu halten. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein fester Partner an unserer Seite. Gemeinsam mit der Bundeswehr helfen Sie uns, die Erinnerung an die Soldatinnen und Soldaten sowie die zivilen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wach zu halten. Diese Partnerschaft bedeutet uns viel. Das Heeresmusikkorps Neubrandenburg ist dankenswerter Weise ein ebenso verlässlicher Partner unserer Stadt. Schön, dass Sie auch der heutigen Gedenkveranstaltung den passenden musikalischen Rahmen geben.

Ganz besonders danke ich Ihnen allen, die Sie heute nach Fünfeichen gekommen sind. Gäste aus vielen Ländern Europas. Meine tiefe Verneigung vor den Überlebenden des Lagers und ihren Angehörigen. Es ist schön, Sie hier begrüßen zu dürfen.

Neubrandenburg - 31.08.2018
Quelle: Pressestelle Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg am Tollensesee