OFFENER BRIEF zum Piraten Open Air


Offener Brief des Landrates Tino Schomann als Antwort auf den offenen Brief der Schauspielerin des Piraten-Open-Air-Theaters Grevesmühlen, Frau Lydia Fischer, veröffentlicht auf dem Onlineauftritt der Ostsee-Zeitung am 27. Juni 2022

Sehr geehrte Frau Fischer, Sie sprechen in Ihrem offenen Brief grundlegende Dinge an, weshalb ich mich entschlossen habe, Ihnen ebenfalls mit einem offenen Brief zu antworten.

Der Rechtsstaat beruht auf drei Gewalten, der gesetzgebenden, der ausführenden und der rechtsprechenden Gewalt. Als Landrat gehöre ich zu den ausführenden Gewalten. Meine Aufgabe ist es unter anderem, Gesetze auszuführen. Ein wesentliches Anliegen des Rechtsstaates ist, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Es gilt nicht das Recht des Stärkeren. Für alle, ob schwach oder stark, gilt das gleiche Gesetz. Diesem Prinzip fühle ich mich persönlich verpflichtet.

Und so kann es eben sein, dass drei klagende Anwohner Recht bekommen, obwohl davon dutzende Beschäftigte eines Theaters und tausende Besucher betroffen sind. Von den Explosionsgeräuschen sind Kinder betroffen, Schichtarbeitende, Tiere. Jedes Jahr den ganzen Sommer lang. Als Landrat bin ich aber nicht nur Chef einer Verwaltung, sondern auch Politiker. Ich habe also auch den Anspruch, Dinge zu gestalten. In der Frage können Sie sich ganz sicher sein, ich habe großes Interesse am Erhalt des Piraten-Open-Air-Theaters in Grevesmühlen!

In Ihrem Brief bezichtigen Sie mich der Lüge, weil ich das Theater als unkooperativ bezeichnet habe. Das muss ich entschieden zurückweisen, denn ich erlebe die Theaterleitung leider immer wieder so! Das Theater hat mit Lärmbeschwerden zu tun, seit es sich in Grevesmühlen niedergelassen hat. Seit fast 15 Jahren messen wir zu hohe Werte und appellieren an die Theaterleitung, sich schalltechnisch beraten zu lassen. Wir appellierten bei Beratungen, in Mediationen, in Vertragsentwürfen, in Briefen. Das einzige wirklich signifikante Zugeständnis war, die Veranstaltung vor 22 Uhr enden zu lassen, also vor dem Eintritt der Nachtzeit.

Wir appellierten auch an die Beschwerdeführer, machten ihnen klar, dass es auch bei Einhaltung der Richtwerte nicht völlig ruhig sein werde.
Überhaupt die Richtwerte; es ist ja viel von Interessensausgleich die Rede. Die Richtwerte nach der Freizeitlärmrichtlinie oder ganz ähnlich in der TA-Lärm stellen genau diesen Interessensausgleich dar. Sie schützen die Betriebe und Einrichtungen vor klagefreudigen Menschen, die es gerne ganz still hätten, aber eben auch die Betroffenen vor Gesundheitsschäden durch Lärm.

Ich bin nunmehr jedoch gerichtlich zum Tätigwerden verpflichtet. Meine Spielräume, hier noch zu gestalten und zu vermitteln, sind unter diesen Bedingungen minimal. Nochmal zum Thema Kooperation, und ich wiederhole hier weitgehend meine Erklärung vor dem Kreistag vom 23. Juni: Bereits vor einem Jahr forderte ich vom Theater, dass mit den Bauantragsunterlagen auch eine Lärmprognose vorzulegen sei. Mit der Prognose sollte der Nachweis geführt werden, dass die Richtwerte eingehalten werden. Für die Erstellung der Prognose wäre es erforderlich gewesen, dass das Theater einen Gutachter beauftragt und mit ihm die beabsichtigten Knall- und Explosionseffekte durchgeht.

Nachdem das Theater bis Mitte März diesen Jahres keine Prognose vorlegte, und die Zeit drängte, baute ich eine Brücke. Die Forderung nach dem Nachweis wurde Auflage in der Baugenehmigung und Voraussetzung für die Zulässigkeit der Aufführung. Die Prognose sollte spätestens zwei Wochen vor der Generalprobe, also am 9. Juni vorliegen. Diese Forderung war dem Theater schon seit dem 21. April bekannt. Aber erst am 19. Mai meldete sich das Theater und gab an, dass es eine Prognose nicht termingerecht liefern könne, denn das Schießpulver würde erst am 17. Juni geliefert, und deshalb könne nicht gemessen werden.

Ich baute eine weitere Brücke, indem ich eine Sondervereinbarung zur Baugenehmigung abschloss. Sie erlaubte dem Theater, die Messungen am Montag vorzunehmen und die Prognose bis Mittwoch 12 Uhr, abzugeben, also am Tag vor der Generalprobe. Und da ergab sich eben, dass das konzipierte Stück so nicht aufgeführt werden konnte. Es ist das Versäumnis der Theaterleitung, nicht rechtzeitig gehandelt zu haben.
Es auch das Versäumnis der Theaterleitung, bei Lärmüberschreitungen ohne Alternative dazustehen. Meine Hochachtung, dass Sie und Ihre Schauspielkollegen es nun schaffen, ein spannendes und unterhaltsames Stück ohne ein Übermaß an Knall- und Explosionseffekten quasi aus dem Boden zu stampfen. Eins noch zum Abschluss. Der bestehende Konflikt wird natürlich von Personen getragen. Aber ich führe deshalb keinen persönlichen Kampf.

Mit freundlichen Grüßen

Tino Schomann
Landrat